Einführung ins Sammeln von Retro-Games und Videospielen

Einführung ins Sammeln von Retro-Games und Videospielen

Der Goldstandard im Regal: Ein Guide zu Zustand, Vollständigkeit und Wert von Retro-Games

Erinnerst du dich an den Geruch, wenn man früher eine neue PC-Spiele-Box geöffnet hat? Oder an das satte Klick-Geräusch, wenn ein Modul in den Schacht der Konsole rutschte? Der unbeschreiblich ikonische Loadup-Sound der ersten Playstation? Retro-Gaming ist heute mehr als nur Nostalgie. Es ist eine Wissenschaft, eine Leidenschaft und für manche eine ernsthafte Wertanlage.

Doch wer heute in das Sammeln von Videospielen einsteigt, merkt schnell: Spiel ist nicht gleich Spiel. Warum kostet Super Metroid einmal 40 Euro und einmal 400 Euro? Die Antwort liegt in zwei magischen Worten: Zustand und Vollständigkeit.

In diesem Guide tauchen wir tief in die Szene ein. Wir klären die Begriffe, die für Neulinge oft überwältigend sind, beleuchten den Markt für Big Boxen und Repros und schauen uns an, wann ein altes Spiel zur echten Wertanlage wird.


1. Das ABC der Sammler: Von Loose bis Sealed

Bevor wir über Geld sprechen, müssen wir die Sprache der Sammler verstehen. Wer auf eBay oder Börsen unterwegs ist, wird mit Abkürzungen bombardiert. Der Wert eines Spiels hängt fast vollständig davon ab, in welcher Kategorie es sich befindet.

Loose (Nur das Modul)

Dies ist die Basisstufe. Du kaufst nur das Spiel selbst. Bei Modulen (Cartridges) für NES, SNES oder N64 ist das sehr häufig, da Kinder die Pappkartons früher meist sofort weggeworfen haben.

Für wen? Für reine Spieler (Gamer), die das Spiel erleben wollen und keinen Wert auf das Regal legen. Es gibt jedoch auch Sammler, die nur die Box haben und mit einem solchen Modul das komplette Sammlerstück vervollständigen wollen.

In OVP

Das Modul - also das Spiel selber - ist vorhanden und bringt die originale Verpackung des Spiels mit. Das kann eine DVD-Case sein, wie bei viele Konsolen ab der Playsation 2, oder eine Big Box, wie bei manchen begehrten PC-Spielen. In der Regel fehlen jedoch die Anleitung, das Inlay oder sonstige Beilagen. Dadurch ist das Spiel eben nicht 'komplett'.

CiB (Complete in Box)

Hier beginnt das Herz des Sammlers schneller zu schlagen. CiB bedeutet, dass alles dabei ist, was beim ursprünglichen Kauf im Laden dabei war. Aber Vorsicht: Die Definition ist streng.

  • Die Box (OVP): Sie muss vorhanden sein.
  • Das Inlay: Der Papp- oder Plastikeinsatz, der das Spiel in der Box hält.
  • Die Anleitung (Manual): Ohne Anleitung ist es nicht CiB.
  • Die "Beilagen": Oft vergessen, aber entscheidend für den Preis. Dazu gehören Verbraucherhinweise, Epilepsie-Warnungen, Poster oder die berühmte Registrierkarte. Fehlt die Registrierkarte, sprechen Puristen oft nicht von "echtem" CiB.

Sealed (Originalverschweißt)

Der Heilige Gral. Das Spiel wurde nie geöffnet. Es befindet sich noch in der originalen Plastikfolie (Shrink Wrap) oder hat das unbeschädigte Siegel (bei neueren Konsolen). Wenn ein überzeugter Sammler ein versiegeltes Spiel in die Hände bekommt, bedeutet das, dass das Spiel auch weiterhin versiegelt bleibt.


2. Die Faszination "Big Box": Warum Pappe Gold wert ist

Besonders im Bereich der PC-Spiele (und früher Konsolen) gibt es ein Phänomen, das heute fast ausgestorben ist: Die Big Box.

Spiel in Big Box, CiB, sogar das Klebetattoo ist noch vorhanden

In den 80ern und 90ern kamen PC-Spiele nicht in kleinen DVD-Hüllen. Sie kamen in riesigen, oft wunderschön gestalteten Kartons. Diese Big Boxen sind heute extrem begehrt. Warum?

  1. Die Haptik: Sie fühlen sich wertig an. Das Cover-Art war oft ein Gemälde, kein schnelles Photoshop-Design.
  2. Die Goodies: Früher mussten Entwickler die Spieler an den physischen Kauf binden (Kopierschutz war schwer). Also legten sie Dinge bei. Stoffkarten bei Ultima, dicke Handbücher mit Hintergrundgeschichten bei Civilization, Referenzkarten für die Tastaturbelegung.
  3. Die Seltenheit: Pappe ist fragil. Sie zerdrückt, sie reißt, sie bekommt Eselsohren. Eine Big Box aus dem Jahr 1993 in gutem Zustand zu finden, ist schwer. Viele landeten im Müll, als die platzsparenden CD-Jewel-Cases aufkamen.

Für Sammler gilt: Eine plattgedrückte Big Box ist fast wertlos. Eine Box mit scharfen Kanten und leuchtenden Farben hingegen kann Hunderte Euro kosten.


3. Der Zustand: Es kommt auf die Details an

Ein Spiel kann "CiB" sein und trotzdem keinen Mehrwert besitzen. Sammler achten auf winzige Details, die den Preis massiv beeinflussen. Hier ist eine Checkliste, worauf Profis achten:

Sunfading (Sonnenbleiche)

Stand das Spiel jahrelang im Schaufenster oder in einem Regal gegenüber vom Fenster? UV-Licht ist der Feind. Es bleicht die Farben aus. Besonders das Rot auf dem Buchrücken (Spine) von Super Nintendo Spielen verschwindet oft. Ein ausgeblichenes Cover ("Sunfade") drückt den Wert enorm, selbst wenn der Rest perfekt ist.

Der Zustand der Laschen (Flaps)

Bei Pappkartons (NES, SNES, N64, Game Boy) sind die Laschen zum Öffnen die Schwachstelle. Sind sie eingerissen? Fehlt eine Lasche ganz? Hängt sie nur noch am "seidenen Faden"? Ein häufiger Fehler: Das Preisschild wurde abgerissen und hat dabei die bedruckte Oberfläche des Kartons mit abgerissen (Abriss). Das ist ein schwerer Mangel.

Modul-Kontakte und Labels

Bei Modulen muss das Label (der Aufkleber auf dem Spiel) intakt sein. Kratzer, Gekritzel mit Edding oder Ablösungen sind schlecht. Die Kontakte (Pins) unten sollten goldglänzend und nicht korrodiert sein. Zwar kann man Kontakte reinigen, aber ein zerstörtes Label ist unwiederbringlich.


4. Die dunkle Seite: Repros, Bootlegs und Fälschungen

Wo Geld fließt, sind Betrüger nicht weit. Das Thema Repros (Reproduktionen) ist eines der heißesten Eisen in der Szene. Man muss hier strikt unterscheiden.

Die "ehrliche" Repro

Es gibt Fans, die Spiele auf Modul veröffentlichen, die nie in ihrer Region erschienen sind (z.B. japanische Rollenspiele mit englischer Fan-Übersetzung). Oder Entwickler, die heute neue Spiele für alte Konsolen machen (Homebrew). Solange diese Module klar als "Reproduction" gekennzeichnet sind, ist das für viele okay. 

Das gilt auch für andere Bereiche. Oftmals ist das Label eines Moduls stark beschädigt oder fehlt komplett. Manche Sammler ersetzen das Label dann gerne mit einem guten Nachdruck. Auch für die Cases - insbesondere beim Game Boy - sind viele Reproduktionen im Umlauf. Solange das klar kommuniziert ist und niemand versucht, Repros als Original zu verkaufen, gibt es hier eigentlich kein Problem.

Wir selber kennzeichnen Reproduktionen im Utopia Collectibles Shop immer entsprechend im Titel oder in der Produktbeschreibung. Denn wir würden es nicht übers Herz bringen, ein seltenes Spiel wegzuschmeißen, nur weil das Label nicht mehr original ist. Dafür sind Repros in der Regel deutlich günstiger

Die Fälschung (Bootleg/Counterfeit)

Das Problem sind Verkäufer, die eine billige Kopie als teures Original verkaufen. Besonders bei teuren Titeln ist die Gefahr groß. Fälscher nehmen ein billiges Sportspiel (den "Donor" bzw. Spender), löten den Chip aus und setzen einen neuen Chip mit dem teuren Spiel ein. Dann drucken sie ein neues Label und oft sogar eine neue Verpackung.

Woran erkennst du Fälschungen?

  • Druckqualität: Das Label ist oft unscharf oder hat falsche Farben.
  • Das Plastik: Das Gehäuse fühlt sich anders an, oft billiger oder die Schrauben sind aus Plastik statt Metall.
  • Das Board: Der sicherste Weg ist das Öffnen des Moduls. Ein originales Nintendo-Board sieht anders aus als eine billige Platine mit einem schwarzen Klecks ("Glob-Top") darauf.

5. Videospiele als Wertanlage: Investieren in Plastik?

In den letzten Jahren sind Videospiele in den Fokus von Investoren gerückt. Schlagzeilen über ein Super Mario Bros., das für Millionen Dollar versteigert wurde, heizten den Markt an. Aber taugen Games als Altersvorsorge?

Grading: WATA und VGA

Um Spiele handelbar wie Aktien zu machen, müssen sie bewertet werden. Firmen wie WATA Games oder VGA (Video Game Authority) bieten das "Grading" an. Du schickst dein versiegeltes Spiel ein. Sie prüfen es, bewerten den Zustand auf einer Skala (z.B. 9.8 A++) und sperren es in einen massiven Acryl-Sarg (Case). Das Ergebnis: Das Spiel ist konserviert, aber unspielbar. Kritik: Viele Sammler sehen Grading kritisch. Sie sagen, es treibe die Preise künstlich hoch und entziehe dem Markt die Spiele. Für Investoren ist ein gegradetes Spiel jedoch sicherer, da der Zustand "zertifiziert" ist.

Was steigt im Wert?

Nicht jedes alte Spiel wird teuer. FIFA 98 wird nie eine Wertanlage sein, weil es Millionen davon gibt. Teuer werden Spiele, die:

  1. Selten sind: Wenige Auflagen am Ende des Lebenszyklus einer Konsole.
  2. Beliebt sind: Zelda, Mario, Metroid, Pokémon. Starke Marken ziehen immer.
  3. Kultstatus haben: Nischenspiele, die erst Jahre später als Meisterwerke erkannt wurden.

Aber Vorsicht: Der Markt schwankt. Wir sehen gerade bei gegradeten Spielen eine Blase, die sich etwas abkühlt. Wer nur wegen des Geldes sammelt, geht ein hohes Risiko ein.


6. Fazit: Sammeln mit Herz und Verstand

Der Markt für Retro-Spiele hat sich gewandelt. Aus einem Hobby für Nerds ist ein globaler Markt geworden, in dem es um viel Geld geht.

Doch am Ende des Tages sollte eines im Vordergrund stehen: Die Freude am Medium. Eine gut erhaltene Big Box im Regal ist ein Stück Kulturgeschichte. Ein vollständiges Exemplar deines Lieblingsspiels aus der Kindheit in den Händen zu halten, ist ein Gefühl, das keine Aktienkurve ersetzen kann.


Kurz-Glossar für Einsteiger

  • OVP: Originalverpackung.
  • In OVP: Das Modul (Cartridge, CD, Kassette, etc) ist in der Originalverpackung vorhanden, es fehlen jedoch in der Regel einzelne Teile (Anleitung, Beileger, Inlay...)
  • Inlay: Der Einsatz im Karton.
  • Mint: Zustand wie neu, absolut perfekt.
  • Near Mint: Fast perfekt, minimale Gebrauchsspuren.
  • Shelf Wear: Abnutzung durch das Stehen im Regal (z.B. Abrieb an den Ecken).
  • PAL / NTSC: Die Regionen. PAL (Europa), NTSC-U (USA), NTSC-J (Japan). Wichtig, da Konsolen oft region-locked sind (nur Spiele aus ihrer Region abspielen).

Viel Erfolg bei der Jagd nach dem nächsten Schatz!

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